Montag, 7. Oktober 2013

To be or not to be (1942) - Ernst Lubitsch

"Also ich hab mir da ja gedacht, da wo du so reinkommst und ich dann so.. Also naja, ich hab mir gedacht, da könnt ich das Ganze ja so betonen, dass...". Und so weiter und so fort. Schauspieler.. Kennt man ja. Gebt ihnen ein paar Sätze und schon fangen sie an daran herumzudrehen. Solange bis daraus, sofern das Publikum will, endlich richtige Lacher werden. "Die Leute müssen hier einfach lachen. Müssen die, ganz klar. Die werden alle aus ihren Stühlen fallen." Sicherlich, Kracher werden das. Was denn sonst. 

Menschen, die nicht das Glück (oder das Unglück) haben Schauspieler in ihrem Umfeld zu haben, sei gesagt: Diese verwundbare und ungeschützte Spezies kann ohne dieses Berufsdoping Lacher nicht leben. Es reicht einfach nicht aus, dass sie allen Menschen auf allen Partys dieser Welt erzählen müssen, dass sie Schauspieler sind. Es reicht auch nicht, dass sie sich für Künstler halten. Nein. Die einzige Anerkennung, die sie wirklich brauchen sind Lacher. 

Lacher, bitte gebt uns Lacher! Platziert uns in den dunkelsten Winkeln der Bühne, verschiebt die Scheinwerfer. Egal. Solange die Lacher nur kommen ist es uns vollkommen schnurz, ob wir von denen da unten jetzt gerade gesehen werden oder nicht. "Hat er gelacht? Hat er? Also ich glaube ja. Der sitzt doch heute Abend drin hast du gesagt. Doch doch, der hat gelacht. Ich hab's genau gehört. Und sie auch. Stell dir mal vor. Sie auch! Die ist doch sonst so supertrocken. Sie hat gelacht. Wegen mir, wegen mir! (wie geil ist das denn)". Und so geht das jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit. Jeden Abend diese Ungewissheit. Jeden Abend diese eine bange, existenzielle und alles überschattende Frage: "Do they laugh, or do they not laugh?". Doesn't matter ob das jetzt da reinpasst in das Stück oder nicht. Und doesn't matter ob ich das dann vielleicht sogar erzwingen muss. Hauptsache they laugh (hauptsache they like me). 

Montag, 8. Juli 2013

Ekel (1965) - Roman Polanski

Es gibt viele Gründe warum Frauen sich vor Männern ekeln. Doch sind sie erst mal weg die Männer, sauber aus dem Weg geräumt und entsorgt, geht es einer Frau gleich viel besser. Männer sind ein echtes Problem und Probleme gehören gelöst. Man könnte jetzt an dieser Stelle natürlich eine lange Liste mit harten und fundierten Fakten anbringen warum Männer eine Plage, ja in vielen Fällen eine regelrechte Seuche sind. Vielleicht reicht es aber auch, wenn man sich den Mann mit krampfhaft zusammengepressten Lippen vorstellt. Dieser Mann versucht etwas, probiert etwas, erzwingt etwas. Er presst und presst und presst und irgendwann ist er soweit. Irgendwann hat er sich durchgewalzt, sich reingedrückt, und hat, mittlerweile schon keuchend und geifernd hinter der Ziellinie angelangt, na raten Sie mal, abgedrückt. Wie lächerlich klein sie sich tagtäglich abmühen, wie wenig sie verstehen, wie oft sie es schon verbockt haben. Es ist und bleibt ein Trauerspiel. Männer sind ekelhaft. Darum an alle Frauen, die nicht das Glück haben an eine seltene Ausnahme der Regel geraten zu sein: Hände weg! Lieber heute als morgen: Hände weg verdammt! Nein, kein feministisches Manifest jetzt. Einfach nur HÄNDE WEG.

Freitag, 12. April 2013

Me And You And Everyone We Know (2005) - Miranda July

- Guck mal dort. Siehst du die Mülltonne? Ab da fängt es an schwierig zu werden mit uns. Noch weiter hinten, dort wo die Strasse abbiegt, ist Schluss. Doch hey, wir stehen noch zwischen Hier und der Mülltonne. Darum lass es uns doch einfach geniessen.

- Ja, du hast Recht. Geniessen wir es. 

- Küss mich. 

Montag, 18. März 2013

Devil's Town (2009) - Vladimir Paskaljevic

Von diesen ganzen Geschichten kriegt man ja fast nichts mit. Die Haustüren sind ja meistens auch zu, verschlossen und verriegelt. Die Familien hinter diesen Türen bewegen sich darum auch ungestört, sicher und frei. Die Familien sind privat. Wenn die Haustür hinter ihnen ins Schloss fällt, kann alles passieren. In Wohnzimmern, Küchen und Betten herrscht deshalb heitere Narrenfreiheit. Ob das nun, wie in diesem Film, in Belgrad ist oder in der Stadt XY. Diese heimische Unbeschwertheit verspricht süsse Verlockung, Sicherheit und Anonymität. Diese Anonymität hat noch so manchen verführt. Im Guten wie im Bösen. Nur allzu laut sollte man nicht sein, vor allem im Bösen. Wände können sehr dünn sein. Vor allem in diesem, diesem.. Belgrad. Das eben angesprochene Böse kann sich in einer Wohnung sehr wohl fühlen, gerade weil die Wohnungstür verschlossen ist. Dann sind sie nämlich unter sich und bleiben noch ein bisschen, das Böse, der Dämon und der Terror. Solange die Tür nicht von irgendjemandem aufgedrückt oder eingetreten wird, fühlen sich die Drei pudelwohl. Sie nehmen Platz auf dem teuren Sofa, verputzen noch ein paar Plätzchen und schauen Tennis. Jelena Jankovic! Sie hat es geschafft. Sie hat es aus diesem Scheissloch Belgrad rausgeschafft. Raus aus Devil's Town! Die Drei auf dem Sofa applaudieren. Game, Set and Match Jankovic!

Samstag, 9. Februar 2013

Days of Being Wild (1990) - Wong Kar-Wai

Sag mal, bringst du öfters Mädchen hierher? Ab und zu, sagt er. Rufst du mich an? Hast du dir meine Nummer gemerkt? Wann sehen wir uns wieder? Bin ich die Einzige für dich? Würdest du mich heiraten? Schau mich an. Schau mir in die Augen und sag es mir. Sprich mit mir, denn ich will es wissen. Doch die Liebe ist kein Fragebogen und hat auch keinen Fahrplan. Denn Liebe ist auch Ödipus, Trieb und Eigentum. Du darfst mich gerne besitzen, nur heirate mich. Du darfst über mich verfügen, nur verlass mich nicht. Hörst du? Ich tue alles für dich. Egal wie schlecht du mich behandelst, egal wie beschäftigt du mit dir selber bist. Nur teilen will ich dich nicht. Ich will deine Frau sein, deine Begleitung. Für immer. Was muss ich dafür tun? Ich bin bereit einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Was kostet deine Liebe? Ich habe gespart. Ich habe mir eine ganze Brust voller Gefühle, einen ganzen Bauch voller Liebe und ein noch grösseres Herz mit unendlicher Hingabe angespart. Damit will ich dich bezahlen. Nur bitte, sei mein Mann. Nimm mich! Nimmst du mich? Er schaut in den Spiegel, kämmt seine dicken, öligen Strähnen nach hinten und sagt: "Naja. Ich weiss nicht. Kann sein. Zieh dich jetzt aber bitte an und geh".  

Donnerstag, 3. Januar 2013

L'homme à la caméra (1929) - Dziga Vertov


Ich musste an einen Freund denken. Dieser Freund hatte auch immer eine Filmkamera dabei und hat alles gefilmt was ihm vor die Linse lief. So eine Kamera schafft es doch tatsächlich unseren langweiligen Alltag und unsere noch langweiligeren Urlaubstage immens aufzuwerten. Jedenfalls dann, wenn wir Wochen nach dieser ganzen Filmerei mit Verwandten und Bekannten zusammenkommen und uns auf Leinwand oder Flachbildschirm, ganz egal, ansehen was wir denn da so getrieben haben die ganze Zeit. Furchtbar komisch das alles. Wahnsinnig lustig. Da kann man dann Susanne beobachten wie sie über die Strasse geht und winkt. Und dann sieht man da den Peter wie er in einen Apfel beisst, sich vor der Kamera aufbaut und darüber erzählt wie sauer dieser Apfel nun wieder sei und warum er sich nicht für einen anderen entschieden hätte. Aber am lustigsten sind immer die Momente des Films, in denen wir betrunken waren. Mancher Zuschauer, man darf annehmen, dass es sich hierbei um einen Protagonisten des Films handelt, wird gleich ganz wehmütig: "Ach, das war eine tolle Nacht. Wir hatten ja soviel Spass". Jede noch so grosse Nebensächlichkeit aus diesen gefilmten Tagen wird zum Ereignis und trägt zur kollektiven Heiterkeit der Filmrunde bei. Das könnte man sich wahrhaft stundenlang ansehen. "Gell Petra, gut hatten wir die Kamera dabei". Hihi. 

Samstag, 10. November 2012

Catastroika (2012) - Aris Chatzistefanou

Und ich dachte immer Privatisieren sei gut. Privatisieren klang für mich immer nach Effizienz, nach Gewinn und Arbeitsplätzen. TINA. There Is No Alternative. Ja, irgendwie klang das einleuchtend und überzeugend. Dieses Andere klang zu sehr nach Kommunismus. Etwas, was schon einmal da war und offensichtlich nicht funktioniert hat. Und schauen wir uns doch um. Läuft ja. In der Schule war mir der Kommunismus unsympathisch. Gott war ich froh in der Schweiz auf die Welt gekommen zu sein. Gott war ich froh, dass wir unsere Banken haben. Heute fällt mir auf, dass mir der Begriff Kommunismus nie wirklich richtig erklärt wurde. Warum eigentlich? Wahrscheinlich war ich noch zu jung. Vielleicht hatten die Lehrer aber auch schlicht kein Interesse daran dem Schüler den Kommunismus auch nur ansatzweise zu erklären, geschweige denn schmackhaft zu machen. Denn die Schüler hätten ja Gefallen daran finden können. 
So ein Denkfehler widerspricht uns homo ökonomen fundamental und erschüttert unser seeliges Gewinnstreben zutiefst. Nein. Niemals. Das ist doch albern.. ausgeschlossen! Dass Kommunismus aber auch Gemeinschaft, Solidarität und Liebe bedeutet, das wurde mir leider nie beigebracht. Dafür erinnere ich mich noch an die Brille von John Major. Die ist mir geblieben. Der Mann sah irgendwie vertrauenserweckend aus. An Margaret Thatcher kann ich mich nicht mehr erinnern.  

Freitag, 2. November 2012

Burma VJ (2008) - Anders Østergaard

Widerstand braucht weder Schuhe noch Schlappen. Widerstand geht auch barfuss. Alles was die Mönche in Rangoon brauchen ist ihr Verstand. Frei von Angst und Zweifeln entscheiden sie sich für die Solidarität mit den Menschen von Burma. Kein Zaudern, kein Lamentieren, keine Gewalt. In ihren Gesichtern funkelt Entschlossenheit. Strahlende Erhabenheit gegen kalten Stahl. Nackte Menschen gegen fremdgesteuerte Apparate, überforderte Marionetten. Die Uniformen schiessen und die Menschen laufen. Ein paar unentwegte Bürger verstecken sich und filmen die ganze Scheisse. Die Unentwegten gehören zu den Menschen. Sie filmen alles was die Andern mit den Menschen machen. Sie filmen wie die Andern die Menschen auf irgendwelche Trucks schmeissen, filmen wie die Lumpen japanische Journalisten erschiessen und filmen wie tote Mönche in Teichen schwimmen. Der Wandel war schon oft genug weit weg in Burma. Doch wenn man mal so nah dran war, scheint er unerreichbar. 

Heute Freitag steht der Burkhalter und die Schlumpf neben Aung San Suu Kyi. Der Aussenminister hat sogar seine Frau dabei. Er bleibt noch ein bisschen. Bis Sonntag wahrscheinlich. Er will noch ein wenig wenig ausloten was in Sachen Investitionen für Schweizer Firmen so möglich ist. 

Samstag, 9. Juni 2012

Eraserhead (1977) - David Lynch



Es ist dieser Heizkörper um den sich alles dreht. Was steckt da bloss hinter diesem Heizkörper? Ich Henry Spencer kann mir nicht erklären wie eine Puppe da hinkommen kann. Wieso sollte jemand eine Puppe zwischen die Wand und den Heizkörper meiner Wohnung klemmen? Zudem bin ich mir gar nicht sicher, ob es wirklich eine Puppe ist. Jedenfalls ist es meine Lieblingsbeschäftigung mich abends auf mein Bett zu legen und mir den Heizkörper anzuschauen. Ich bin überzeugt, dass sich diese Apparatur eines Tages öffnen und mir mehr über mich und mein Leben verraten wird.

Und so kommt es dann auch. Eines Tages öffnet sich die Wand hinter dem Heizkörper und die geballte Wucht von Henrys Unterbewusstsein kommt ihm entgegen. Der Gute hat eine Menge auf dem Kerbholz. Inzest, Untreue, Mord und Abtreibung. Henry hat mittlerweile gelernt dies alles zu kaschieren. Bei der Arbeit wird er sehr geschätzt und auch seine Nachbarn im Industrieviertel mögen ihn sehr. Man möchte Henry am liebsten in den Arm nehmen. Sein Wuschelkopf und seine treuherzigen Augen machen ihn sanft und gutmütig. Alles nicht so schlimm - wenn da eben diese Dinge nicht wären.                

Aber seien wir ehrlich. So ein schreiendes Kind ist auch nicht ganz einfach. Während seine Freundin schon völlig entnervt zu ihrer Mutter gezogen ist, verbringt Henry die Nächte mit dem Kind nun allein. Es ist ja nicht so, dass er nicht versucht hätte nett zu sein. Aber zuviel ist zuviel. Den Fiebermesser hat er gesucht und diesem schreienden Spanferkel in den Mund gesteckt. Ja sogar heilende Dämpfe hat er zusammengebraut und dem Kind unter die völlig verwurmte Nase gehalten. Alles zum Wohle des Kindes. Aber zuviel ist zuviel. Dieses Kind kann nicht von mir stammen, murmelt Henry. "Dieses verdammte Kind ist von einem anderen Mann!"

Was sich da hinter dem Heizkörper aufgetan hat, war dann auch alles andere als lustig. Für Henry wird aber endlich klar warum er jede Nacht schlecht träumt. Diese ganzen Würmer und Viecher und Säfte und Augen. Sie sind alle wieder da. Sie sprechen eine eindeutige Sprache und Henry versteht. "Ich muss mein Leben ändern". Die Kreaturen aus seinen Träumen haben es rübergeschafft in die Wirklichkeit und weisen ihm den Weg. Sie werden nie mehr in seine Träume zurückkehren. Sie bleiben jetzt bei ihm. Ganz. 

Doch eines noch zum Schluss. Es gibt da dieses eine Portraitbild von Henry. Sie wissen schon. Dieses eine ganz berühmte. Er mit angespanntem Ausdruck. Und um ihn herum diese Flocken. Ich dachte immer es wären Schuppen oder irgendein Puder. Heute weiss ich, dass das nicht stimmt. Aber was es genau ist, kann ich leider immer noch nicht sagen. David Lynch, 1977. David Lynch, 2012. Was da alles dazwischen liegt und warum da alles dazwischen liegt, ist unwichtig. Wann hören wir endlich auf Lynch's Filme verstehen zu wollen? Seine Filme machen irgendwas mit uns. Wir merken, dass da irgendwas nicht stimmt mit unseren Leben. Dieses Unbehagen reicht doch.  


Montag, 12. März 2012

Der Knochenmann (2009) - Wolfgang Murnberger


Im Wirtshaus Löschenkohl sitzen an der Bar der Bernhard, der Bierbichler, die Minichmayr und die Jelinek. Über was sich die vier unterhalten, kann man nicht hören. Irgendetwas im Keller des Löschenkohls macht einen saumässigen Lärm. Aus der Küche an die Bar tritt der Wirt, der Seppi. "Woats wos trinkn?" Bernhard und Jelinek lehnen ab, der Bierbichler und die Minichmayr bestellen ein Bier. Bernhard studiert das Holz des Tresens und fragt den Wirt: "Was ist schlimmer, der Terror in Afghanistan oder der Terror hier im Lötzschental?" Der Wirt versteht nicht ganz und sagt irgendwas, wahrscheinlich, dass er die Frage nicht verstanden habe. Es ist eindeutig zu laut. "Das geht gleich vorbei", meint der Wirt. Die Jelinek fragt, was denn da unten im Keller los sei. Das sei für die Hendl, brüllt der Löschenkohl. "I moch Tierfutter, verstehst?" Die Jelinek erklärt darauf, dass sie Vegetarierin sei und das mit dem Tiereessen ja so eine Sache ist. Aus der Küche hinzu tritt nun der Sohn des Wirts, der Porsche Pauli. Der Vater knallt dem aufgebrachten Sohn ansatzlos eine runter. Porsche Pauli fällt hin, steht auf und droht dem Vater mit dem Zeigefinger ein Loch in den Kopf: "Das war das letzte Mal, dass du mich angefasst hast". Die Tränen laufen dem jungen Burschen übers Gesicht. Vor Wut schäumend stürzt er zum Ausgang und ruft irgendetwas hinterher - wahrscheinlich, dass er den Vater umbringen werde. Stille. Endlich, sagt die Minichmayr. Schade, sagt der Bernhard. "Manchmal bin ich ganz froh, wenn ich die Leut nicht versteh". Die Jelinek nickt zustimmend und bestellt doch noch was: "Ein Radler bitte".

Montag, 6. Februar 2012

Away from her - Sarah Polley (2006)


Wann wird der Tag kommen, an dem Fiona ihren Ehemann nicht mehr kennen wird? Synapsen, Neuronen, Zellen, Transmitter und Botenstoffe. Irgendetwas passiert da oben in Fionas Kopf - irgendetwas Technisches. Ein paar Fachbegriffe, die kein normaler Mensch versteht, sorgen dafür, dass eine Liebe nie mehr so sein wird, wie sie einmal war. Die Begriffe reihen sich auf und lassen ihn nicht mehr zu ihr. Entschlossen und unüberwindbar formieren sich irgendwelche Zellen und bringen sich erst mächtig durcheinander bevor sie nachher wieder stramm auf einer Linie stehen. Ein Anrennen dagegen ist zwecklos. 44 Jahre Ehe haben nicht den Hauch einer Chance. Gut, zwischendurch gibt es ein Aufflackern, eine kleine Spur Hoffnung. Diese verweht aber und verschwindet schnell. Alzheimer. Das klingt wie eine Mischung aus Biermarke und skandinavischem Nobelpreisträger. Der Begriff Alzheimer hat etwas harmloses, etwas, was da ist, aber doch eigentlich nicht so schlimm sein kann. "Und wer sind Sie?". Es ist eine Frage der Zeit bis Fiona genau diese Worte an ihren Ehemann richten wird. Ich weiss es - dieser Satz wird kommen. Irgendwann. Unausweichlich. Aus dem Nichts. Doch was kommt dann? Nach diesem Satz? Das, was schon immer da war? Liebe? Ja, ich glaube das könnte hinhauen. Liebe.

Sonntag, 15. Januar 2012

Drive (2011) - Nicolas Winding Refn


Der Fahrer spricht nicht gern. In der Wohnung seiner Nachbarin steht er da und es ist kein Blick zu wenig, doch jedes Wort zu viel. Sie steht vor ihm und es ist alles klar. Der Fahrer und die Nachbarin schauen sich an und arbeiten an der Entwertung der Worte. Nur das Nötigste, der Rest wird ausgelöscht, wird gar nicht erst aufkommen. Die Liebe spricht für sich, braucht keinen Mund. Die beiden begegnen sich von Anfang an in einer Art magischen Zwischenwelt. Man will es nicht beschreiben. Es ist einfach da. Seit er das erste Mal in ihrer Wohnung war, sind sie beide verliebt, bedingungslos bis aufs Herz, bis aufs Blut. Der Wert dieser einen Million, an die er geraten ist, interessiert ihn nicht. Ob diese Million nun irgendwo auf einem Konto liegt oder in einer Sporttasche durch Los Angeles getragen wird, ist nebensächlich. Eine Million ist eine Million - und somit eine Bürde. Die Religion des Dollars wird noch ein bisschen andauern, der Glanz dieses schmutzigen Papiergelds wird wohl so schnell nicht zu Ende gehn. Doch wird wohl die Liebe zwischen dem Fahrer und der Nachbarin zu Ende gehn, so mutmasse ich. Anders als der Glanz des schmutzigen Geldes. Dieser wird überdauern, ganz bestimmt. Warum mutmasse ich eigentlich nicht umgekehrt? Für die ewige Liebe und gegen das ewige Geld. Warum nur?

Donnerstag, 24. November 2011

I'm not there (2007) - Todd Haynes


Wer ist Bob Dylan? Ein mehrgesichtiger, vielbeiniger, strubbeliger, verquerer Querkopf oder einfach nur ein Mensch, der ist, der atmet, sich umschaut, der lebt und nebenbei noch Musik macht? Letzteres, ganz klar, blöde Frage. Doch hier ist noch eine Frage: Ist Bob Dylan politisch? Natürlich. Alles ist politisch. Alles und nichts. Taugt Dylan als Führer? Na klar. Will er das? Nein, wieso auch. Führer führen in den Dreck. Wir sind alle frei. Das weiss er, doch wissen wir es auch? Wir nehmen die Schuhe unter die Arme und laufen los. Wohin wir wollen. Auch wenn die Freiheit immer wieder beschnitten wird, immer wieder getreten und zerstückelt wird - Dylan ist da und mit ihm die Freiheit. Seine Musik denkt nicht in Grenzen. Grenzen bricht er auf und das Ende lässt sich nicht - denken. Es ist offen. Wird es jemanden wie Bob Dylan je wieder geben? Nein. Dylan ist einzigartig und ist es doch auch nicht. Sein Erbe ist unermesslich und es wird grosszügig verteilt. Freiheit in der Musik existiert, sie ist da, sie lebt und es ist jetzt die richtige Zeit ihr zuzuhören. Es steht alles da. Es ist geschrieben. Geschrieben von vielen Musikern und Gruppen, die Dylans Erbe angenommen haben und der Welt ihre Freiheit wiedergeben, zumindest musikalisch. Aber aus dieser Musik der Freiheit wird eine neue Freiheit entstehen. Die Freiheit vom Geld, die Freiheit von Besitz, die Freiheit von Macht. Dylan ist Freiheit, Dylan ist Liebe, Dylan ist Leben. Danke.

Samstag, 3. September 2011

Phantom Love (2007) - Nina Menkes


Wenn das Telefon klingelt, verheisst das meistens nichts Gutes. "Entschuldigen Sie die Störung, aber bin ich verbunden mit.."? Das Klingeln des Telefons getarnt als die Geißel der Verwaltung, der Mutter, des nicht mehr vorhandenen Vaters, des heiligen Geistes und des komplett vereinigten Ungemachs. Zusammen mit der ebenfalls auf dem Nachttisch liegenden Uhr bildet das Telefon eine unüberwindbare Front, die uns immer wieder daran erinnert, dass wir erst leben müssen um zu sterben. Das Telefon ist erbarmungslos. Ich behaupte einmal, dass uns die Dinge, die man so am anderen Ende eines Telefon hört, häufiger negativ als positiv stimmen. Natürlich, vieles ist einfach auch nur Soße, neutral unaufgeregter Brei. Worthülsen. In der Strassenbahn, im Bus, in der U-Bahn. Unterirdisches. "Loch, Verbindung, knack, geil, Mongo, weg, hallo, Chef, voll, feiern, cool, Mitarbeiter, Tunnel, abgefahren". Aber warum kann man denn Lulu nicht einfach etwas Schönes mitteilen? Beispielsweise, dass sie schwanger ist? Oder, dass sie gerade im Lotto gewonnen hat. Stattdessen nur die Mutter. Mutters Stimme als Peitsche. Warum kann man denn Lulu nicht beibringen, dass sie keine Schuld trifft? Wir werden da doch reingeboren in diese Welt. Und zack, da sind wir. "Guck einmal du kleines Ding. Das hier ist dein Vater. Und das hier, das ist deine Mutter". Viel Spass damit.
Lulu ist heute ungefähr 35 Jahre alt und hat sich ergeben. Auch heute ruft die Arbeit. Doch unmittelbar vor ihrer Zimmertür liegt eine riesige Python auf dem Boden und versperrt ihr den Weg. Lulu schaut ihr in die Augen, steigt über sie hinweg und geht. Keine Reaktion.

Sonntag, 21. August 2011

Inside Job (2010) - Charles Ferguson


Gibt es Hoffnung? Nein, gibt es nicht. Also schon. Also für Liebe und so schon. Aber Hoffnung für das? Ne. Beim besten Willen. Komm, das ist doch alles.. Weisst du, ich glaub ja eigentlich an Hoffnung und sowas. So für meine Umgebung schon, ja. Oder für meine kranke Katze. Klar. Vielleicht wird die auch wieder gesund. Wer weiss. Aber Hoffnung für das? Für diese Ärsche? Für diese blöden Säcke da oben? Weisste was, die machen doch eh nur was sie wollen und stecken das alles in ihre eigenen Taschen. Wo ist denn die Politik, wenn man sie braucht? Hä? Also es ist ja nicht so, dass ich ein Pessimist wäre. Neinnein, das nicht. Also ich bin durchaus in der Lage eine Medaille auch mal von ihrer schönen Seite zu betrachten. Ich finde das auch wichtig, dass man so ist. Positiv mein ich. Aber echt, sowas wie die da in New York. Das muss man sich mal vorstellen. 470 Millionen Dollar. Okay gut. Der Dollar ist ja jetzt auch nicht mehr soviel wert. Aber trotzdem. 470 Millionen. Hallo?! Und wir zahlen jetzt die Zeche. Die können mich doch mal. Echt. Wir hängen doch da alle mit drin. Klar, ich habe meine Hobbies und find das auch wichtig. Aber was, wenn alles hopps geht? Hä? Was dann? Meine Tante sagt immer: "Komm, das wird schon wieder. Die Politik hat noch immer eine Lösung parat. Das geht wieder aufwärts". Aber nein, ich glaub der nicht. Ich bin doch keine 15 mehr. Ich finde wir sollten rausgehen und was unternehmen. Die in Kairo können das doch auch. Ja, okay. Das ist was anderes. Aber trotzdem. Lass uns den Ärschen in die Fresse hauen.

Montag, 8. August 2011

Out of Rosenheim (1987) - Percy Adlon

Miss Münchgstettner kommt, sieht und ist. Nichts an ihr ist zuviel und alles ist echt. Jasmin Münchgstettner ist für das in der Wüste Kaliforniens gelegene "Bagdad Cafe" so etwas wie der fleischgewordene Jesus. Ein Wunder der Barmherzigkeit. Ein Barack Obama des amerikanischen Gesundheitswesens, die Mutter Teresa Indiens, der arabische Frühling Nordafrikas, der Nelson Mandela Südafrikas oder einfach nur der Mario Götze Dortmunds. Aus dunkel werde hell. Ja, die Welt ist schrecklich und ungerecht. Aber wo Schatten ist, da muss doch irgendwo auch Licht herkommen. Und es gibt sie noch. Diese Lichtblicke, die uns unmittelbar ins Herz treffen. Sie lassen uns träumen von einer Welt, in der am Ende die Barmherzigkeit steht. Ja, die Barmherzigkeit. Wenn dieses Wort nicht schon von der katholischen Kirche wundgebraucht wäre, bekäme ich doch glatt eine grosse Lust es aus dem Fenster zu singen. Was wäre das nur für eine Welt? Eine Welt, in der aus Hass Liebe wird. Neid und Missgunst scheitern, Grenzen verschwinden und sich die Völker dieser Erde vereinen. Jasmin Münchgstettner aus Rosenheim lässt mich abschweifen in eine Welt, in der noch alles möglich ist. Gerade in diesen schwierigen Zeiten ist dies Balsam für meine Seele, die sich täglich mit immer neuen medialen Schreckensnachrichten malträtiert. Der Film wirkt noch nach. Noch tut es wohl. Noch lebt das Bild einer schönen Vision. Noch lebt der Traum. Noch. Bis zur nächsten Schreckensmeldung. Aber träumen darf man doch. Oder nicht?

Dienstag, 19. Juli 2011

Cléo de 5 à 7 (1962) - Angès Varda

Die Hotelzimmertür fällt ins Schloss. Vor mir ein langer Flur. Am Ende des Flurs liegt eine Schlange auf dem Boden. Sie ist riesig. Langsam kriecht sie auf mich zu. Ich rette mich ins Notfall-Treppenhaus. Panik befällt mich. Ich kriege kaum Luft. Und bis ich unten bin, kommen noch 24 weitere Stockwerke. Ich kann nicht sagen was mich mehr fertig macht. Die Schlange oder dieses gottverdammte Treppenhaus. Endlich unten in der Lobby angekommen, lauter Schwarze. Überall Schwarze. Ich hasse dieses stinkende Pack. Ich muss hier raus. Ich halte mir ein Taschentuch vor den Mund und stolpere auf die Strasse. Nein Monsieur, ich will kein Taxi. Taxis bringen Unglück. Und dann diese Menschenmassen. Es ist der 14. Juli. Auch das noch. Zurück in die Lobby. Schweißgebadet steuere ich auf die Rezeption zu. Man solle mir ein neues Zimmer geben. Irgendwo auf einer anderen Etage. Von der Schlange sage ich nichts. Ich kriege die neuen Schlüssel und begebe mich in den Aufzug. Die Frau neben mir trägt ihren kleinen Köter auf dem Arm. Er guckt mich an. Dumm wie ein Hund nur gucken kann. Dabei wird mir schwarz vor Augen. Man hilft mir wieder auf die Beine. Ich sage nichts. In meinem neuen Zimmer angekommen, schaue ich zuerst unters Bett. Dann hinter die Vorhänge und in die Badewanne. Niemand. Ich lege mich aufs Bett und fange an zu weinen. Ich weiss genau, dass ich nicht alleine bin. Da ist er, da bin ich und da ist der Krebs. Ich habe Angst.

Mittwoch, 6. Juli 2011

I love Beijing (2001) - Ning Ying

In China essen sie Hunde. Die Menschen sind klein, haben ungefähr alle den selben Namen und sehen sowieso alle gleich aus. Was wissen wir schon über dieses grosse Ungetüm namens China, welches vermutlich schon bald das Zepter der Supermacht Nr.1 an sich reissen wird? Wenig wissen wir. Wenig bis gar nichts. Ai Wei Wei, die KP, die Kulturrevolution und die Chinesische Mauer fallen einem da noch ein. Doch irgendwie ist dieses China einfach nicht greifbar. Das muss eine andere Welt sein. Die da drüben müssen irgendwie anders sein. Doch die Regisseurin Ning Ying und ihr Film "I love Beijing" belehren uns eines besseren. Die Sorgen und Nöte der Filmfiguren sind uns Westlern gar nicht mal so unbekannt. Die Männer sind auf der Suche nach schnellem Geld, Karriere und Sex und die Frauen fragen sich warum ihre Partner sie nicht richtig lieben. Egal ob in Paris, London oder Peking. Es ist das ewig grosse Missverständnis. Die Frauen bekommen nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen zusteht. Und die Männer kriegen nicht annähernd soviele Frauen, damit sie in Ruhe endlich platzen können. Die Verlorenheit und die Gier sind längst in China angekommen. Chongqing, Shenyang, Tianjin oder Guangzhou. Millionenstädte, von denen die meisten von uns noch nie etwas gehört haben. Alle wollen sie ein grosses Stück vom Kuchen abhaben. Und der Kuchen ist riesig. Im Vergleich dagegen sieht Amerika aus wie ein kleiner Cupcake. Ja kann man es den Chinesen denn verdenken? Nein, mit Sicherheit nicht. Aber wohin die Begehrlichkeiten der Amerikaner das eigene Land gebracht haben, wissen wir ja mittlerweile. Nämlich kurz vor den Abgrund. Oder um es mit dem Titel des aktuellen Albums der österreichischen Band "Ja, Panik" zu sagen: DMD KIU LIDT. Die Manifestation des Kapitalismus in unseren Leben ist die Traurigkeit.

Donnerstag, 16. Juni 2011

El Aura (2005) - Fabián Bielinsky

Männer gehen in den Wald und töten Tiere. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben. Männer überfallen einen Geldtransport. Auch das war schon immer so und wird ebenfalls so bleiben. Männer schlagen Frauen. Ja, auch das wird leider bleiben. Einer ist immer schuld und meistens der Mann. Verführt und getrieben geniessen wir Männer, wir richtigen Männer, schmatzend und voller Inbrunst unser Dasein. Richtig, richtig. Denn einfach nur halb ist scheisse. Halb ist für Frauen und Schwuchteln. Wenn schon denn schon. Fleisch, Geld, Macht. Das ist das, was uns antreibt. Das ist das, was uns wärmt. Vergewaltiger, Wirtschaftskriminelle, Kriegsverbrecher, Massenmörder und Kinderschänder. Alles Männer. Freie Fahrt, the autopilot is on. Eine Lösung und ein Ende des weltgrössten Misstandes namens Mann ist nicht in Sicht. Freilich, Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber eben, die Regel ist die Regel und die Regel bleibt die Regel. Wenn sich aber ein richtig unrichtiger und somit richtiger Mann basteln liesse, müsste er auf jeden Fall so aussehen wie Ricardo Darín. Innen kann es gern Mutter Theresa, Elfriede Jelinek, Daniela Katzenberger, Rosa Luxemburg oder die eigene Mutter sein. Am besten ein gutes Stück von allen. Nur bitte nicht der Kavaliere, klein Nicolas oder der Fifa-Sepp. Parolen neigen irgendwann gerne zur Abgeschmacktheit. Eine Parole muss aber bleiben: Frauen an die Macht!

Mittwoch, 17. November 2010

Nostalghia (1983) - Andrej Tarkowskij

Wenn man es recht bedenkt, dann ist das Leben vielleicht doch nicht so schwer. Das Leben doch nicht so hart. Welch wunderbarer Gedanke. Das Leben ist einfach.. Doch ist es das wirklich? Ich sag mal.. ja. Warum denn nicht? Die Lösung dazu finden wir doch in unserer eigenen Natur. Doch warum schauen wir nicht hin? Da ist doch alles. Da. Da ist es. Dieses grosse Alles. Hand in Hand mit dem noch viel grösseren Nichts. Doch warum uns das Blut aus den Nasen tropft, Staaten uns zur Emigration zwingen, und warum wir unsere Familien im Stich lassen und dahingleiten auf den Wogen des Egoismus, ist eben so leicht zu erklären wie wir es seit Jahrtausenden verstanden haben unsere Welt systematisch und voll schrecklicher Leidenschaft in Schutt und Asche zu legen. Schauen wir doch ganz einfach in den Spiegel. Die Erklärung ist doch wirklich nicht schwer. Die Spiegel halten dem Druck ja vorteilhafterweise stand. Die haben wir ja schliesslich auch erfunden, diese Spiegel. Das wäre doch gelacht, wenn wir Menschen nicht doch noch das eine oder andere glänzend zu Wege gebracht hätten. Und sind wir ehrlich. Wer will denn schon für den ganzen Scherbenhaufen verantwortlich sein? Also ich nicht. Da bleibe ich lieber weiter auf der Suche nach etwas Besserem. Nach etwas, das mir vielleicht besser steht. Ein neues Land, eine neue Liebe, ein neues Glück. Doch das Glück wird nie neu. Es war schon immer da. Schon ewig. Doch leider sind wir zu beschäftigt es zu sehen. Herrje, herrje. Wenn es doch so einfach wäre.. Ach, wenn man es recht bedenkt sind diese Worte doch eifach nur schrecklich. Meine Güte, herrje, herrje. Ach, hör mir doch auf!

Samstag, 21. August 2010

Nokan (2008) - Yôjirô Takita

Wir kommen und wir gehen. Gott gibt und Gott nimmt. Warum wir eines Tages gehen müssen, werden wir hoffentlich nie erfahren. Doch unser letzter Tag wird kommen. Für den Japaner Daigo Kobayashi gehören solche Tage zum Geschäft. Kobayashi arbeitet in einem Unternehmen, das sich auf „Reisen“ spezialisiert. Doch können bei diesem Unternehmen keine herkömmlichen Reisen gebucht werden. Gebucht wird nur eine Reise. Die letzte Reise. Kobayashi beherrscht nämlich die Kunst des Aufbahrens, des japanischen Nokans. Die Kunst des Ausklangs. Vor den Augen der Angehörigen bereitet er die Leichen der Verstorbenen auf die Beerdigung vor. Während die Leichen also gewaschen, angezogen und geschminkt werden, stelle ich mir immer und immer wieder diesselbe Frage: Wieviel kriegt dieser scheinbar leblose Körper von alledem noch mit? Ist die Seele dem Körper schon entwichen? Wenn ja, wo steckt sie? Ist sie schon oben an der Himmelspforte oder hat sie sich gerade eben bequem zwischen die liebsten Verwandten gesetzt und schaut sich gerade selber dabei zu, wie sie für die letzte Reise nochmal so richtig aufwändig und mit viel Liebe zurechtgemacht wird? Ich weiss es nicht. Der nasse Lappen. Der Pinsel. Die Tränen. Alles. Der Gedanke jedoch, dass die oder der Verstorbene noch möglichst viel davon mitkriegt, erfüllt mich mit Trost. Ob dem wirklich so ist, werde ich nie erfahren. Nicht lebendig. Ich bin bloss ein Mensch. Gott sei Dank.

Mittwoch, 11. August 2010

Being there (1979) - Hal Ashby

Mehr ist manchmal weniger. Es ist dann zum Beispiel ein Mehr der Worte. Ein Meer voller Wörter. Ein überdimensionierter Wörtertümpel. Eine Pfütze aus Hülsen. Es ist alles mehr und es ist alles zuviel. Was nicht gesagt werden musste, wurde gesagt. Und was voll Dringlichkeit gesagt werde muss, wird überhört. Überhört durch das Getöse von politischen Reden, das Schwadronieren der Grossen, das Gesabbel der Kleinen und dem Schweigen der Mitte. Von allem zu viel und von allem zu wenig. Mr. Chance. Sie sind das, was man heutzutage als dumm bezeichnen würde. Dumm wie Brot. Wie Stroh. Wie die Nacht. Doch bitte lassen Sie sich durch diese Begrifflichkeiten nicht irritieren. Die Welt ist neu für Sie, ich weiss. Das alles hier sehen Sie zum ersten Mal. Nach ungefähr 60 Jahren treten Sie das erste Mal raus auf die Strasse. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie gerade älter gemacht habe als Sie sind. Nun ja. Ich heisse Sie herzlich willkommen. Das ist sie. Unsere Welt. Die Welt wird fasziniert sein von Ihnen. Ganz bestimmt. Doch bitte verzeihen Sie mir eine weitere Unverschämtheit. Leider muss ich Ihnen sogleich den Wind aus den Segeln nehmen. Die Faszination für Sie wird nachlassen. Glauben Sie mir. Sie werden von der Ihnen noch wohl gesinnten Gesellschaft irgendwann ausgespuckt. Wie ein nasser Lappen landen Sie dann auf dem kalten Asphalt. Doch Sie haben Glück. Der Bordstein wird Sie nicht anzählen. Nein. Warum auch? Sie haben ja schliesslich keine Ahnung wie Sie hierher gekommen sind. Sie hinterfragen es auch nicht. Sie stehen einfach wieder auf und sind Mr. Chance. Oder Chauncey Gardiner. Oder wer auch immer. Danke dafür.

Dienstag, 15. Juni 2010

Network (1976) - Sidney Lumet

Was war Sidney Lumet 1976 bloss für ein Prophet. Unheimlich präzise erzählt er uns in seinem Oscar-prämierten Film wie Fernsehen funktioniert. "Network" war damals aber lediglich eine leise Vorahnung auf das, was uns heute tagtäglich geballt und in voller widerlicher Wucht von der Mattscheibe entgegenschlägt. Aber dass uns das Fernsehen irgendwann Heidi Klum, Frauke Ludowig und Dieter Bohlen in einer derart quotengeilen Gnadenlosigkeit um die Ohren hauen wird, damit haben wohl selbst die kühnsten Fernsehkritiker nicht gerechnet. Aufrichtiger Journalismus? Qualitätsfernsehen? Bildung? Weg damit! Die Masse ist dumm und darum werfen wir ihr auch den entsprechenden Frass hin. Aber Achtung. Leicht verdaulich muss er sein, der Frass. Denn nur wer schnell und leicht verdaut, kann auch bald wieder genüsslich zulangen. Hier, nehmet und esset alle davon. Es ist gemacht für alle. Es ist gedacht für jeden. Einen Löffel Geilheit, zwei Happen Schadenfreude. Ach was. Am besten gleich eine ganze Hand voll von allem. Kerners Verständnis für alles und jeden, Gottschalks ungekünsteltes Desinteresse, Ludowigs weltbewegende Prominews, und, nicht zu vergessen, Stefan Raabs unwiderstehlich gute Laune. Und nun? Besteht vielleicht nach all den Jahren der geistigen Talfahrt bei den Sendern noch ein klitzekleines Fünkchen Hoffnung auf Besserung? Haha. Hoffnung! Haha. Fünkchen! Haha. Besserung!

Montag, 31. Mai 2010

Cassandra´s Dream (2007) - Woody Allen

Manche Dinge im Leben werden sich nie ändern. Hier eine kleine Aufzählung von Dingen, deren Wiederkehr so sicher ist wie der heutige Rückritt von Horst Köhler: Männer gehn mit Autos auf Frauenfang. Die berufliche Karriere allein sorgt für das Seelenheil. Schuldgefühle sind unerträglich. Frauen stehen auf Geschenke. Anzüge und Uhren machen einfach was her. Nach Theatervorstellungen wird Schauspielern gnadenlos ins Gesicht gelogen wie gut sie doch waren. Menschen gehen für Geld über Leichen. Das Leben geht weiter. Selbstmord wird häufiger in Betracht gezogen, als man denkt. David ist neidisch auf Goliath. Der Zweck heiligt die Mittel. Telefonkonferenzen sind wichtig. So ein Whiskey hilft nur bedingt. Die Fingernägel eines Automechanikers sind grundsätzlich schwarz und die Polizei trifft immer am Tatort ein. Egal, ob man nun den Kerl mit einem Hammer, einer Schere, einer Pistole oder einem Bunsenbrenner umbringt. Das Leben nach der Tat wird für manchen zur reinsten Tortur. Für manchen nicht, für manchen schon. Dostojewski´s Raskolnikow litt bitterlich. Woody Allen´s Terry genauso. Jaja. Aber was machen denn beispielsweise Leute wie Mladic, Karadzic oder Kim Jong II? Leiden die auch? Kann sein. Kann aber auch nicht sein.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Mary and Max (2009) - Adam Elliot

„God gave us relatives. Thank god we can choose friends“. Das stimmt. Wir können Freunde einfach so auswählen. Und wenn wir keinen Bock mehr haben, dann knallen wir sie auf den Müll und beschränken uns auf den Rest. Aber auch dieser Freundesrest wird irgendwann immer kleiner. Aber das macht nichts. In Wahrheit geht es doch eigentlich nur um den Rest des Rests. Um ein Krümelchen Freundeskuchen sozusagen. Das ist nicht viel. Aber genug. Und dann gibt es aber Menschen, die haben ganz ganz viele Freunde. Sagen wir mal ungefähr 4´983. Bei Facebook zumindest. Sind diese Menschen jetzt wirklich so beliebt oder leiden sie lediglich an einer ausgeprägteren Form von Profilierungs– und Geltungsneurose, fragt man sich. Oder sind diese Menschen eventuell gar vom sogenannten Asperger-Syndrom befallen? Kann doch sein. Sie verlassen ihre Wohnungen nur selten, scheuen den sozialen Kontakt, haben aber trotzdem 4´983 Freunde. Max aus „Mary and Max“ leidet nämlich an genau diesem Asperger-Syndrom. Ich weiss, das war jetzt eine sehr dilettantische Überleitung. Doch um genau diesen Max geht es in diesem Film. Und eben auch um die Mary. Und dann geht es noch um Freundschaft, Liebe und die Wahrheit. Max ist nämlich ein ganz grosser Verfechter dieser Wahrheit. Er ist quasi der Vorreiter der Wahrheit. Er betritt einen überfüllten Lift, furzt leise in die Runde und hebt die Hand zum Zeichen seines Schuldgeständnisses. Nicht, dass Max diese stinkende Unsitte lustig fände. Im Gegenteil. Sie ist ihm sogar unendlich peinlich. Trotzdem. Max, insgeheim wollen wir doch alle so sein wie du. P.S: Wussten Sie, dass Schildkröten durch den Anus atmen? "Aspies for freedom".

Mittwoch, 19. Mai 2010

Fanny und Alexander (1982) - Ingmar Bergman

Ich sehe etwas, was du nicht siehst. Da ist Gott, da sind Geister und da sind auch tote Seelen. Blödsinn! Alles nur Fantasie und Einbildung, sagen die gebildeten Erwachsenen. Ja aber Vater, ich weiss doch, dass da was ist. Der kleine Alexander sieht da nämlich Dinge, die wir nicht sehen. Doch er ist nur ein Kind. Und wer hört schon auf ein Kind? Ich bitte Sie. Das Kind lügt! Alles nur Einbildung. Wir Erwachsenen glauben lieber an Dinge, die wir sehen, anfassen, riechen und auch hören können. Das ist besser. Von dem anderen wissen wir zwar, verdrängen es aber. Es ist ungewiss und macht Angst. Diesem Etwas fehlt zudem jedes wissenschaftliche Fundament. Und alles, was wir Erwachsenen nicht mit rationalen Beweisen untermauern können, macht uns Angst. Es ist die Angst, die sicher geglaubte Welt aus den Händen zu geben. Es ist die Angst vor dem grossen Unbekannten. Denn es ist ja auch sehr viel einfacher sich auf unsere ach so beschaulich kleine Welt zu konzentrieren, anstatt die grossen Zusammenhänge und das Übersinnliche als feste Bestandteile unserer Welt zu akzeptieren. Wir Erwachsenen sind verseucht mit handfesten Dingen, die nicht zählen. Mit Dingen, die keinen interessieren. Wir glauben an das, was wir sehen. Zahlen, Statistiken, Diagramme, Ordner, nochmal Zahlen und Tarife. Die Kinder sehen alles. Sie denken global. Sie sind unberührt und rein. Doch da sind ihre Eltern. Sie sind ihre grössten Feinde. Wahrlich, es gibt Ausnahmen. Diese bestätigen aber nur die Regel. Die Eltern stellen die Weichen und setzen die Kinder in den Zug. Der Zug fährt los. Er fährt in die falsche Richtung. Die Zugfahrt endet und die Kinder sind erwachsen. Ein Teufelskreis.

Freitag, 7. Mai 2010

La femme mariée - Jean-Luc Godard (1964)


Genau so hat ein Busen auszusehen. Exakt genau so und nicht anders. Auch trägt man die Haare jetzt so und bestimmt nicht so. Röcke so. Taschen pi, Schuhe pa und Wäsche po. Gut, wenn man das alles nachlesen kann. Dumm nur, wenn man sich dann plötzlich für einen Mann entscheiden muss. Nehme ich jetzt den einen oder den anderen? Wo kann ich das nachlesen und wer hilft mir bei der Entscheidung? Ich meine, der eine ist Pilot. Pilot! Aber naja, ab und zu vergewaltigt er mich schonmal. Und der andere. Ja, der andere ist Schauspieler. Unheimlich kreativ und belesen. Der hat aber leider kein Geld. Hm. Ich liebe beide. Ich sage das denen auch. Oder sind das nur leere Worte? Naja, immerhin darf ich jetzt als Frau auch mal auswählen. Und das in den 60ern. Ist das nicht toll? Ich meine, die Männer können sich doch auch alles erlauben. Und wir Frauen? Wir sind die Prostituierten, die Schlampen, die Huren, die Bitches! Ja, so nennt man uns. Und der Mann? Was ist er? Er ist der Held. Er ist der König. Heute schauen wir uns um und merken: Trotz Schwarzer und Roche hat sich in der Zwischenzeit kaum was geändert. Die Mauern in den Köpfen des Patriarchats sind hart und breit. Charlotte, nicht die Roche, zu Pierre: „Was sind deine negativen Eigenschaften?“ Er: „Warum fragst du mich nicht nach meinen positiven?“. Hau rein, Mann! Ach ja, welcher Rock war nochmal...

Montag, 3. Mai 2010

Mysterious Skin (2004) - Gregg Araki



Odenwälder. Männer mit Oberlippenbärten. Kinderliebe Trainer. Anwälte, Lehrer, Bauarbeiter, Schauspieler, Kameramänner, Buchhalter, Politiker, Ärzte, Stapelfahrer, Weihrauchschwenker und was sonst noch alles so rumläuft und ganz normal aussieht. Die Glut in ihren Hosen treibt sie an. Der Abschaum wird geschlagen und wird immer grösser. Abschaum überall. Aber wann fängt ein Mensch an pädosexuell zu sein? Wann geht das los? Was geht da schief? Oder war das sogar schon von Geburt an alles ein bisschen schief? Wann merkt ein Mann zum ersten Mal: „Verdammt, Hänschenklein dort drüben macht mich ja schon irgendwie ein bisschen geil“? Es ist eine Abart der Natur, die da ist. Hier, da, dort drüben, da hinten. Aber wie kommt es dazu? Naja, lassen wir das. Es ist da. Hier, da, dort drüben, da hinten. Da an der Ampel, dort im Bus, da hinten an der Ecke. Erwachsene Männer stehen auf kleine Kinder. Können diese Männer denn nicht geheilt werden? Naja, lassen wir das. Es ist da. Hier, da, dort drüben, da hinten. Da im Dönerladen, dort im Wartezimmer, da hinten beim Grab von Georg Büchner. Zum Beispiel. Dort stand sicher auch schon mal der eine oder andere. Wer weiss. Warum das alles? Naja, lassen wir das. Männer ficken Kinder, BP fickt die Welt, Griechenland geht Pleite, Guido ist Vizekanzler und die Kapitalistenärsche in London, New York, Frankfurt und Zürich zocken wieder. Welt, komm in meine Arme, ich zerdrück dich.

Mittwoch, 28. April 2010

Le charme discret de la bourgeoisie (1972) - Luis Buñuel

Während sich das Bürgertum aufs Prächtigste amüsiert, muss einer draussen bleiben. Der Chauffeur. Seine Arbeitgeber fressen, saufen und grapschen sich drinnen um den Verstand. Er aber darf nicht mitmachen. Er muss warten. Doch was macht eigentlich so ein Chauffeur ungefähr fünf Stunden lang in seinem Jaguar? Plant er den grossen Aufstand? Den Umsturz? Telefoniert er währenddessen mit irgendeinem revolutionären Bündnis? Studiert er „Das Kapital“ von Marx oder widmet er sich eventuell sogar radikaleren Dingen wie etwa Rohr -und Kofferbomben? Was tut der gute Mann nur stundenlang in diesem Auto, frage ich mich. Ja nichts. Nichts tut er. Brav wartet er bis seine Arbeitgeber wiederkommen. Und das tun die dann auch. Irgendwann. Mit Kaviar in den Mundwinkeln, Martini im Dekolleté und Hummerresten im Haar torkeln sie ihm entgegen und lassen sich satt und überzeugt in den Wagen sacken. Nein. Subversiv ist er nicht, Luis Buñuels Chauffeur. So ein Angestelltenverhältnis ist ja aber auch was Schönes. Das ist gar nicht mal so selbstverständlich heutzutage. Da kann man froh sein. Madame Sowieso und Monsieur Hastenichgesehn zahlen bestimmt auch nicht schlecht. Ist doch gut, oder? Ja, und sonst? Hm. Ach ja. Am Samstag ist wieder 1. Mai. „Eine kommunistische Welt ist möglich“.

Samstag, 24. April 2010

Nuovo Cinema Paradiso (1988) - Giuseppe Tornatore


Ewig dein. Vorausgesetzt du stehst hundert Tage und Nächte unter meinem Balkon. Am hundertsten Abend bin ich dein. Für immer. So will es die Prinzessin. So steht er dann da, der Soldat. Ob Regen, Wind oder Schnee. Zehn Tage, zwanzig Tage. Neunzig Tage. Er wird krank, Vögel scheissen ihm auf den Kopf und er wird regelmässig von Bienen gestochen. Die Liebe aber gibt ihm Kraft. Er verharrt und bleibt. Die Prinzessin beobachtet ihn jeden Tag von ihrem Zimmer aus. Es folgt der Tag Neunundneunzig. Der Soldat sitzt wieder unter ihrem Balkon. Er steht auf, nimmt seinen Stuhl und geht. Warum werden wir nie erfahren. Vielleicht ist ihm eingefallen, dass er den Herd noch an hat. Vielleicht geht er spazieren. Vielleicht stürzt er sich ins Meer oder er geht in die nächstbeste Kneipe und guckt sich das Fussballspiel an. Die Prinzessin wird nie auf die Strasse treten und ihn in die Arme schliessen. Es wird keinen Tag Hundert geben. Die beiden sehen sich nie mehr wieder, zwanzig Jahre lang. Dann laufen sie sich wieder über den Weg. Seine Liebe zu ihr ist ungebrochen. Sie verabreden sich. Sie sind verliebt wie am ersten Tag. Doch es ist zu spät. Und warum? Wir wissen es nicht. Die beiden Menschen werden bestimmt ihre Gründe haben.

Montag, 19. April 2010

Spoorloos (1988) - George Sluizer


Rex wacht auf. Er befindet sich unter der Erde, gefangen in einem Sarg aus Holz. Das letzte Licht in seinem Leben ist die Flamme seines Feuerzeugs. Doch auch diese Flamme wird irgendwann erlöschen. Für immer. Rex schreit um sein Leben. Doch hört man einen Menschen, der ungefähr zwei Meter unter der Grasnarbe liegt? Wahrscheinlich schon. Aber nicht hier. Nicht am Arsch der Welt. Auch seine Freundin Saskia wird die Schreie nicht mehr hören. Denn auch sie liegt hier irgendwo. Saskia liegt hier schon seit ungefähr drei Jahren. Die unendliche Liebe zu seiner spurlos verschwundenen Freundin hat Rex nun auch hierher gebracht. In den Garten des Ferienhauses von Raymond Lemorne. Das Feuerzeug funktioniert jetzt schon lange nicht mehr. Die Schreie haben aufgehört. An den Wochenenden kommt nun Lemorne auch mit seiner Familie hierher. Er sitzt dann mit einem Buch auf einer Bank an der Hauswand. Seine Kinder spielen Federball und seine Frau bewässert den Rasen.

Montag, 12. April 2010

Nueve Reinas (2000) - Fabián Bielinsky

Argentinien ist ein zivilisiertes Land. Die haben sogar Geschäftsleute. Die rennen da ständig rum in dem Film. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, der Film spiele in New York. Und tolle, fortschrittliche Hotels haben die. Da werden Geschäfte abgewickelt – in Argentinien! Weit und breit keine Rinder, keine armen Menschen, kein Wirtschaftskollaps, kein Fussball. Ja, auch das ist Argentinien. Da staunt der Mitteleuropäer. Die sind ganz und gar nicht rückständig da unten. Da irgendwo in Südamerika. „Nueve Reinas“ erinnert an den Film „Pickpocket“ von Robert Bresson. In gewiefter Manier ergaunern sich die beiden Hauptdarsteller immer mehr Pesos zusammen. Was? Pesos? Keine Euros? Ach ja, Argentinien ist ja nicht in der EU. Argentinien ist in Südamerika. Südamerikaner stellt man sich aber doch irgendwie ein bisschen anders vor. So etwa wie man sich einen Brasilianer oder einen Peruaner vorstellt. Aber so? Die sehn ja aus wie wir. In „Nueve Reinas“ geht es um Vertrauen und Gewissensbisse. Der Film ist gut. Was bleibt, ist wenig. Diego Maradona mit dem Weltmeisterpokal 1986. Warum auch immer.

Mittwoch, 31. März 2010

L´entfant (2005) - Luc & Jean-Pierre Dardenne

Arbeiten ist für Arschlöcher“, sagt Bruno. „Hm“, denke ich. Wird arbeiten denn nicht sowieso total überbewertet? Kann man denn sein Leben nicht einfach nur damit finanzieren, indem man irgendwelche Sachen verkauft und sich so irgendwie, arm aber glücklich, über Wasser hält? Irgendwie, irgendwo, irgendwann. Da fängts doch auch schon an. Was für Sachen denn bitteschön? Und vor allem – wo kriegt man die her, diese Sachen? Ich meine, 450 Euro für so ein Mini-DV-Gerät sind doch nicht schlecht? Damit kommt man doch mal ein Zeitchen über die Runden. Oder? Doch, wo kommt es her, dieses Mini-DV-Dings? Gut, wenn man da ein Baby zur Hand hat. Ich meine, eins auf die Welt zu stellen, scheint nicht so schwer zu sein. Und jetzt ist es nun mal da. Also wird es verkauft. Für 4´500 Euro. Aber so ein Baby zu verkaufen geht doch wohl gar nicht. Oder? Jaja. Aber was, wenn es nicht seins ist? Wenn das Baby von der Konkurrenz produziert wurde? Ist es dann gerechtfertigt, dass er, Bruno, das Baby verkauft? Nein nein nein. Natürlich nicht. Und schon gar nicht für 4´500 Euro. Ja, aber, aber. Und für 100´000? Bruno verkauft. Für 4´500. Sonia ist lange sauer. Dass Bruno und Sonia in der letzten Szene des Films trotz frostigen vergangenen Wochen beim Besuchstag im Knast zusammen hemmungslos weinen, ist dann wohl Liebe. So für den Moment ist das dann wohl wirklich Liebe. Und so für den Moment ist das schön.

Aguirre, der Zorn Gottes (1972) - Werner Herzog

Länder, Provinzen und jede Menge Weiber. Und ja, vielleicht sogar Freiheit“. Freiheit wird schon mal gerne hintangestellt, wenn das grosse Gold ruft. Denn darauf sind sie alle scharf. Und wenn wir schon dabei sind, dann bringen wir diesen Wilden doch auch gleich noch den richtigen Glauben bei. Tiere, nichts als Tiere. Was wissen die schon? „Oh, da kommen zwei mit dem Kanu. Huch, die scheinen ja ganz zahm zu sein“. Scheiss Wilde. Wir wollen das Gold! Wo ist das verdammte Gold? Das Pferd nervt sowieso, das muss runter vom Floss. Ich wusste gar nicht, dass Pferde schwimmen können.. Da steht es dann. Am Rande des Flusses. Die Kamera, Werner Herzog und das Floss treiben flussabwärts. Still. Das Pferd verschwindet allmählich aus dem Blickwinkel des Zuschauers. Ein schönes Bild. Jaja, der Herzog hat es schon drauf. Was bleibt übrig von "Aguirre, dem Zorn Gottes"? Viele schöne Bilder. Der Amazonas. Und ja, die Menschen und ihre Gier. Jede Menge Gier.